Warum Yoga manchmal ein Arsch sein kann

Mehrmals die Wochen finden sich in meinen Instastories oder Facebookpostings Bilder von Yoga mit wunderbarer Aussicht auf das Meer oder in den Dschungel. Dabei erhalte ich oft sehr nette Kommentare von Leuten wie schön das aussieht und dass sie das auch gerne mal machen würden und wie toll es wäre, etc. Auch viele TeilnehmerInnen kommen in die Klassen und es steht ihnen der Mund offen von dieser wunderbaren Aussicht und der besonderen Atmosphäre. Es ist schließlich für die meisten nicht selbstverständlich, dass gleich neben der Yogaplattform Affen zu brüllen beginnen oder Faultiere sich an einem Baum entlang hanteln. Das ist die wunderschöne, mit Leichtigkeit äußere Hülle von Yoga im Dschungel. Doch es gibt auch die andere, die tiefe, innere Seite des Yoga, die Türen öffnet, die du nicht erwartet hast. Die dich total verstört und aufgewühlt zurück nachhause (oder ins Hotel) schickt.

In jeder Klasse kommt der Moment in dem du alle deine Sinne von außen nach innen drehst. Es ist der Moment in dem dann die Affen nur mehr im Hintergrund brüllen und die Vögel immer weiter weg fliegen. Dann beginnt der Weg nach innen, du beginnst deinen Fokus zu finden und deinen Atem zu spüren. Schritt für Schritt gelingt es dir tiefer in dich hinein zu gehen und dich einmal in deinem inneren umzusehen. Dann spürst du vielleicht mal eine Verspannung, eine Verkürzung, eine Verkrampfung. Etwas später spürst du vielleicht einen Schmerz irgendwo…und all diese Entdeckungen lassen dich neugierig werden. Interessant, wie sich das anfühlt, wie es sich verändert und vielleicht sogar wo anders hinwandert.

Du gehst dem weiter auf die Spur und möchtest wissen woher es kommt. Um dich herum ist es vielleicht dunkel, doch Schritt für Schritt wird dein Inneres deutlich heller und es öffnet sich etwas. Plötzlich findest du heraus, dass der Grund deiner Nackenverspannungen ist, dass etwas auf deinem Rücken lastet. Du findest vielleicht heraus, dass deine Bauchschmerzen daher kommen, dass dich etwas aus deiner Sicherheit und Stabilität bringt.

Es liegt in der menschlichen Natur, dass wir neugierig sind. Also gehst du weiter und schaust dich weiter um. Nachdem du eine Tür geöffnet hast, siehst du die nächste und möchtest wissen, was da dahinter ist. Und so geht es immer weiter.

Dann leitet dich die Trainerin langsam in die Abschlussposition Savasana und für 10 Minuten bewegt sich dein Körper nicht mehr, du liegst einfach nur auf der Matte. Du bist ganz begeistert, was du alles entdeckt hast und möchtest dich jetzt entspannen. Doch da zeigt Yoga sein wahres Gesicht und stellt dir plötzlich viele Fragen. Wenn du weißt, dass du unglücklich bist, warum änderst du nicht etwas? Wenn du spürst, wieviel glücklicher du sein könntest, warum unternimmst du nicht etwas?

Warum sprichst du diese Person, die du seit langem schon im Geheimen so gerne hast nicht an und öffnest dich?

Warum kündigst du deinen Job nicht, wenn du schon so lange weißt, dass du das nicht mehr machen möchtest?

Warum beendest du diese Beziehung, die dich schon seit langem langweilt nicht endlich?

Warum startest du nicht endlich dieses Leben von dem du träumst?

Warum sagst du einer Freundin nicht endlich, dass eure Freundschaft mehr Belastung als Freude ist?

Warum machst du nicht endlich die Weltreise, die du dir schon so lange wünscht?

Endlich ist Savasana vorbei, du kommst zurück in den Raum in dem du vor 75 Minuten deine Klasse begonnen hast. Die Trainerin wünscht dir einen wunderschönen Tag und verabschiedet sich. Und du?

Du gehst komplett verwirrt und aufgekratzt nachhause und denkst nur: Yoga, du Arsch!

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