Dranbleiben oder Loslassen

An einem Abend vor ein paar Tagen habe ich eine Yogaklasse für den nächsten Morgen vorbereitet. Es war den ganzen Tag heiß und ich war froh, als es endlich etwas abkühlte, damit ich mit Konzentration daran arbeiten kann. Denn es ist ja doch immer ein Mix zwischen zusammenschreiben und ausprobieren der Posen und Sequenzen.Bei 30 Grad und mehr sind die einfachsten Bewegungen schweißtreibend.

Die Klasse, die halten sollte, hatte den Titel „Jungle sweat“. Es geht also um schwitzen früh morgens, das heißt ein schöner Mix aus Dehnung und Kräftigung. Ich wollte den Fokus auf Legs and Booty legen, denn ich habe die letzten Tage selbst soviel für Arme und Rücken gemacht, um die nächste Challenge vorzubereiten. Okay, also schrieb ich einige Posen zusammen, die mir einfielen und brachte sie dann in eine Ordnung, die Sinn machte. Wahnsinnig kreativ war ich nicht, daher habe ich ein bisschen im Internet gesurft und recherchiert. Mit Müh und Not schrieb ich eine Klasse zusammen, dementsprechend unzufrieden war ich auch. Aber was soll’s man kann nicht immer perfekt sein, manchmal ist es halt das komplette Gegenteil. Doch die Klasse muss statt finden, ob ich sie jetzt perfekt finde oder nicht.

Nächster Morgen, ich mit Grisu den Strand entlang auf dem Weg zum Yogacenter. Es war wiedermal ein kitschig karibischer Morgen mit Sonne, Sand, Palmen und wunderschön, ruhigem Meer. Alles war perfekt, nur die Yogasequenz in meinem Kopf nicht. Sie schien mir plötzlich so unpassend, dass ich mich nicht einmal mehr richtig daran erinnern konnte Es waren nur mehr Fetzen da. Na das ist super, wenn du 20 Minuten zur Yogaklasse hast und dich nicht mehr richtig erinnern kannst, was du eigentlich machen wolltest. Na klar, ich hätte mein Heft nehmen und alles nochmal durchlesen können und dann Pose für Pose aus meinem Heft raus unterrichten können. Doch genau das konnte ich nicht, etwas zu unterrichten, das einfach nicht in meinem Kopf bleiben möchte – wie soll das gehen? Ich möchte meinen TeilnehmerInnen etwas vermitteln, sie führen, ihnen etwas lernen, aber keine Lesestunde halten. Accepted, dachte ich, atmete tief aus und ließ die gesamte Sequenz gehen. Leg dich an den Strand, Yogasequenz, dachte ich mir, ich unterrichte was anderes.

Ich entschied mich für die blanke Ehrlichkeit

Um Punkt acht Uhr saß ich mit den TeilnehmerInnen auf der für mich schönsten Yogaplattform und erklärte ihnen, was passiert ist. Nämlich, dass die Sequenz für heute nicht in meinem Kopf bleiben wollte. Dass sich mein Kopf irgendwie dagegen gewehrt hat, sich daran zu erinnern und ich darauf hören muss. Nun ist die Sequenz weg, ich bin da und sollte eine Klasse halten.

Und so habe ich sie eingeladen, die Stunde an diesem Tag dafür zu nutzen, um für sich selbst herauszufinden, was es für sie bedeutet, die Balance zu finden zwischen an etwas festzuhalten bzw. dranzubleiben und etwas gehenzulassen, aufgeben, verlassen.

Wir alle lesen doch oft diese Sprüche: Keep on going! Bleib dran! Never give up! Stay tuned, focused,…!

Doch wir lesen auch oft: Let it go! Let that shit go! Release…! Lass es gehen!

Wie lang genau soll man denn jetzt dran bleiben, kontinuierlich an etwas arbeiten, selbst wenn man unmotiviert ist oder sich etwas komisch anfühlt. Wie lange kann man denn einen Prozess verfolgen bis wann feststellt, dass man vielleicht am komplett falschen Dampfer ist?

Oder anders gefragt, wie oft soll ich denn etwas gehen lassen? Laufe ich nicht irgendwann zick-zack, wenn ich ständig etwas gehen lasse, vielleicht gerade das, was ich vor kurzem begonnen habe, weil ich mich grad etwas unwohl fühle?

Dasselbe gilt für eine Yogaklasse. Soll ich jedes mal, nur weil es gerade etwas unangenehm ist, darauf hören und aus der Pose raus gehen, sie gehen lassen? Denn Yoga soll ja gut tun…

Oder soll ich dran bleiben, mich in die Pose hinein quälen, ob mein Körper will oder nicht.

Die große Frage ist daher, wie lange bleibe ich dran und wann ist es Zeit, sich umzudrehen und es zu lassen?!

By the way, ich habe dann meine klassische Jai Yoga Klasse unterrichtet, die ich in meinem Yogateachertraining gelernt habe. Es war eine unglaublich tolle Stunde für mich mit tollem Feedback und schönem Ausblick <3

Du magst vielleicht auch

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.