Das stärkende, unsichtbare Yoga

Immer wieder erinnere ich die TeilnehmerInnen meiner Kurse und Workshops daran, sich nicht daran zu orientieren, wie denn die Yogapose bei anderen aussehe. Erstens sieht jede Pose bei jedem Menschen anders aus, weil unsere Körper unterschiedlich sind. Daher ist es unmöglich Posen ganz einfach anhand des banalen Aussehens zu vergleichen. Zweitens geht es bei Yoga um so viel mehr, als um banales Aussehen. Natürlich ist es wichtig, darauf zu achten, Posen richtig auszuführen, um sich nicht zu verletzen, aber sich alleine daran zu orientieren, wie die Pose aussieht, verschließt den Zugang zu anderen Elementen.

Konzentration, Fokus, Ruhe

Yoga hat viele Elemente. Um eine Idee davon zu bekommen, kann man sich etwa an den 8 Säulen von Patanjali orientieren. Diese habe ich hier schon einmal erwähnt. Von diesen acht Säulen bezieht sich nur eine einzige auf den Körper und die Posen. Alle anderen beschäftigen sich mit Dinge abseits des Körpers, etwa dem Umgang mit sich selbst, der Umwelt, dem Atem, den Sinnen, der Konzentration und der innen Freiheit. Daher ist Yoga für mich zu 90 Prozent unsichtbar. Doch was heißt das für mich als Yogatrainerin?

Ich kann meine TeilnehmerInnen aktiv bei Posen unterstützen und ihnen eine Idee der anderen sieben Säulen geben, sie heranführen und mein Wissen teilen. Doch tatsächlich müssen sie einen großen Teil für sich selbst bewältigen. Manchmal lass ich sie auch in ihrer Asanapraxis alleine, besonders, wenn sie das erste Mal bei mir sind. Ich möchte damit Zeit und Raum geben, sich zu orientieren, auf der Matte und in meinem Unterricht anzukommen. Nur wenn ich das Gefühl habe, dass es durch eine falsche Haltung zu einer Verletzung kommen kann, greife ich sanft ein. Es braucht Zeit, bis man sich auf eine Trainerin/ einen Trainer eingestellt hat, bis man den Fokus ganz auf den eigenen Körper, die Asanas und die Verbindung von Bewegung und bewusster Atmung findet. Doch hat man es gefunden, ist der Weg zu Konzentration und Fokus geebnet.

Die bewusste Atmung hilft uns, während der Posen und auch in der Meditation im Hier und Jetzt zu bleiben anstatt am Rücken unserer Gedanken davon zu galoppieren. Das ist der Weg, Ruhe zu finden, Klarheit zu gewinnen und die Sinne zu schärfen.

Warum Stille?

Stille zu finden ist ein hartes Stück Arbeit, das sehr fordernd ist. Denn in unserem Alltag gibt es keine Stille. Es gibt immer etwas zu tun, meist mehreres gleichzeitig. Es gibt immer Geräuschkulisse und bewegte Bilder. Aber es gibt keinen stillen Moment. Und wenn dann der Tag endlich gemeistert ist, sinkt man auf die Couch, vor den Fernseher, mit dem Laptop auf der Schoß. Wir leiden unter einer permanenten Reizüberflutung und zwingen unseren Kopf Information in Hochgeschwindigkeit zu bearbeiten. Dass der Mensch grundsätzlich dazu fähig ist, ist unbestritten, doch nicht pausenlos. Unsere Welt ist so schnell geworden, dass wir süchtig nach Reizen, Information und Stress wurden. Es ist wie mit der Sucht nach Zucker. Es tut nicht gut, doch ohne scheint soviel schwerer als mit.

Unser Alltag bringt uns immer wieder an die Grenzen unserer Widerstandsfähigkeit. Das macht sich psychisch, etwa durch Stimmungsschwankungen und Antriebslosigkeit oder physisch durch Erkrankungen bemerkbar. Und obwohl das alles so anstrengend ist, scheint es uns einfach weiterzumachen, als sich immer wiedermal Zeit für etwas Ruhe zu nehmen.

Yoga zur Stärkung der Resilienz

Die Autorin Shannon Sexton schreibt in einem Artikel* Meditation und die Beschäftigung mit den philosophischen Lehren von Yoga haben„ das Potential, die Macht festgefahrener Denkmuster und Identifikationen aufzubrechen und Verbindung in einem viel weiteren Sinn zu schaffen, als zwischenmenschliche Beziehungen und gesellschaftliche Rollen das tun.

Sie bringt damit etwas wichtiges auf den Punkt. In belastenden, erdrückenden herausfordernden Situationen helfen Yoga und Meditation, die Situation neu und anders sehen zu können. Yoga heilt keine Krankheiten und löst keine Probleme. Yoga erweitert den Blick und den Horizont. Unmögliches scheint plötzlich möglich, eine Einbahnstraße bekommt plötzliche Abzweigungen in viele verschiedene Richtungen.

Resilienz bedeutet psychische Widerstandsfähigkeit. Mit Yoga können wir diese stärken, uns stärken. Denn in dem Moment, in dem Gedanken wie verrückt im Kopf im Kreis laufen, sich der Blick zu einem Tunnel verengt und mit Aussichtslosigkeit füllt, braucht es ein STOPP.

Stille durch Yoga ermöglicht neuen Gedanken den Weg.

 

*Yogajournal, Nr. 06, Nov./Dez. 2017, S. 43

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