Vier Monate Costa Rica und meine sanfte Veränderung

Es ist noch nicht lange her, dass ich käseweiß, verschwitzt, erschöpft von der langen Reise und mit vielen gemischten Gefühlen an der Karibikküste von Costa Rica in Puerto Viejo angekommen bin. Ich habe mich damals von meinem zuhause und meinem Alltag in Österreich für eine Zeit lang verabschiedet. Warum gemischte Gefühle? Natürlich war ich aufgeregt, schließlich lag eine spannende Zeit vor mir. Doch gleichzeitig war ich etwas verunsichert und vorsichtig, ich wusste nicht, was kommen würde und ich wusste nicht, wie es sein würde, ganz alleine an einem Ort 15 Flugstunden und 6 Busstunden von zuhause, meiner Familie und meinen Freunden entfernt zu leben. Ich kam ohne ein Rückflugticket. Mein Plan war, vier Monate zu bleiben, aber was, wenn es schrecklich werden würde und ich nach sechs Wochen nachhause fliegen wollte?

Ich weiß nicht, ob es allen so geht, die sich entscheiden (für eine Zeit) von zuhause weg zu gehen. Bei mir war es jedenfalls so, ich dachte zu Beginn nicht nur positiv.

Doch schon nach kurzer Zeit begannen meine Welt und ich mich zu verändern.

You were so serious 😉

Vor einiger Zeit erzählte Natalia, eine Freundin und Schmuckdesignerin aus Argentinien von unserer ersten Begegnung am Tag, an dem das Teacher Training begann. Ich kam (wieder einmal) verschwitzt mit all meinem Gepäck den Hügel hinauf und wollte einchecken. Die Zimmer waren damals noch nicht fertig und ich musste warten.

You were so serious at the beginning. The first days here you were so serious. But you changed yourself a lot the last months.“

Seit sie mir das sagte, denke ich über die letzten vier Monate und darüber was mich in Puerto Viejo verändert hat, nach. Es wäre zu einfach zu sagen: Naja, ich habe vier Monate in der Karibik gelebt. Natürlich wird man da relaxed. Das stimmt sicher, aber es ist zu oberflächlich. Ich möchte versuchen, genauer zu beschreiben, was sich für mich geändert hat.

Was ich so gemacht habe…

Mein erstes Monat in Costa Rica war, wie berichtet, das Yoga Teachertraining und sehr intensiv. Es war körperlich und mental sehr intensiv und hat mir extrem viel Spaß gemacht. Anschließend begann mein Alltag in Puerto Viejo. Was ich die ganze Zeit gemacht habe, kann ich euch im Detail gar nicht sagen. Einfach Alltag gelebt, einen besonderen Alltag. Sportlich gesehen habe ich mich sehr auf Yoga, Meditation und laufen am Strand konzentriert, immer wieder ein paar Workouts eingebaut, aber viel weniger gemacht, als zuhause.

Ich habe viele Leute kennen gelernt und getroffen und viele Unterhaltungen in unterschiedlichen Sprachen geführt. Puerto Viejo ist ein Touristenort. Es gibt viele Locals, die man täglich trifft, aber es sind auch ständig neue Leute da, die auf der Durchreise sind, ein paar Tage/Wochen oder länger bleiben. Puerto Viejo ist sehr klein, daher weiß man recht schnell, wer kommt, bleibt und geht. Eigentlich weiß man alles, was passiert sehr schnell, es bleibt hier nichts geheim.

Eines ist sicher, ich habe noch nie in meinem Leben soviel gekocht wie hier und es hat mir riesigen Spaß gemacht. Ich habe österreichische, costaricanische und karibische Speisen gekocht und manchmal einen Mix daraus. Manches mal habe ich einen ganzen Tag kochend und improvisierend verbracht. 🙂

Rice and Beans with Fish and Patacones

Ich war täglich in der Natur, das heißt am Strand, im Meer oder im Dschungel und habe so oft wie noch nie in meinem Leben Tiere in freier Wildbahn gesehen. Affen, Faultiere, verschiedene Arten von Nagetieren, Opossum, Wild, Leguane, Gekos, Krabben, Fische, Waschbären, etc.

Punta Uva
Sloth in Papayatree

Und ich durfte die schönsten Sonnenauf- und untergänge, die ich jemals gesehen habe, genießen.

Sunrise in Cocles
Sunset Playa negra

Die letzten Monate habe ich mich ausschließlich zu Fuß, mit dem Fahrrad oder dem Bus weiterbewegt und ich bin mindestens einmal die Woche richtig nass geworden. Einen ärgeren Sonnenbrand hatte ich nur ein einziges Mal, der hat sich dafür gleich zu einer Sonnenallergie entwickelt, die allerdings nach drei Tagen wieder weg war.

Ja, das hört sich alles sehr nach einer schönen Zeit an – war es auch – aber das waren nicht die Dinge, die mich verändert haben. Es war das Erlernen von Geduld und Gelassenheit. Und Puerto Viejo gab mir meine Lektionen; jeden einzelnen Tag, ob ich wollte oder nicht. 🙂

Geduld und Gelassenheit

Grundsätzlich passieren die Dinge dort einfach langsamer und ungeregelter, als ich es gewohnt war. Ich gebe euch ein paar Beispiele:

Nur weil man sich in ein Lokal setzt, heißt das nicht, dass man innerhalb von 15 Minuten eine Karte erhalten muss oder nach einem Getränkewunsch gefragt wird.

Der Bankomat ohne einer Menschenschlange von mindestens 5 Personen ist nahezu ein Grund für eine Party.

Der Bus fährt immer um halb – oder früher, oder später… Warum? Der Busfahrer plaudert gerade oder heute eben nicht, relax.

Ein Stau auf der Straße? Zwei Autofahrer haben sich schon lange nicht mehr gesehen und plaudern. Niemand kann vorbei fahren – relax.

Nahezu ein Unfall mit Autos, Radfahrern, Fußgängern und allem was sich sonst noch auf der Straße bewegt: Touristen haben einen Affen oder ein Faultier entdeckt und bremsen sich ohne Rücksicht auf Verluste ein.

Ein Stau in allen Straßen gleichzeitig? Es ist ein winziger Unfall auf der Brücke passiert und 10 Leute stehen seit einer Stunde darum herum und diskutieren. Erst wenn sie fertig diskutiert haben, fahren die Unfallfahrzeuge (vielleicht) weg.

Das alles war zu Beginn gewöhnungsbedürftig für mich, mittlerweile habe ich ein Level von Geduld und Gelassenheit erreicht, das Warten zu einer angenehmen Beschäftigung für mich werden ließ. (Außer wenn es um Wasser ging, das machte mich bis zum Schluss richtig nervös, wenn wir plötzlich kein Wasser hatten.) Aber sonst…Zwei Stunden auf den Bus warten? Für mich kein Problem mehr.

Und das bringt mich zu meiner Veränderung. Die letzten Monate lehrten mich einiges:

Dinge, die ich nicht ändern oder beschleunigen kann, einfach akzeptieren – Gelassenheit

Menschen, die ich nicht ändern kann, akzeptieren – Gelassenheit

Warten. Wenn der richtige Zeitpunkt da ist, wird alles kommen, wie es kommen soll – Geduld

Meine Gegenwart zu leben und mir Zeit zu nehmen – Geduld und Gelassenheit

 

Der letzte Punkt ist der wichtigste, warum ich all das nie zuhause hätte erlernen können. Ich hatte in den letzten Jahren verlernt, mir für etwas Zeit und Ruhe zu nehmen. Immer ging alles schnell, war dann teilweise oberflächlich und ruck zuck und immer war ich am Planen. Dabei habe ich vergessen, Momente und das Jetzt zu leben und zu genießen, mich für eine längere Zeit in eine Sache zu vertiefen oder Zeit einfach verstreichen zu lassen.

Bevor ich weg gefahren bin, habe ich mich (schon ein Zeit lang) „nimma g’spiat“, um es auf gut wienerisch zu sagen. Emotionen wie Freude, Traurigkeit oder Liebe habe ich lange gar nicht zugelassen.

Zeit, die einfach so verstreicht, war für mich immer verlorene Zeit. Das ist sie für mich heute nicht mehr. Puerto Viejo hat mir etwas wichtiges gelernt:

Zeit, die einfach verstreicht, lehrt mich geduldig zu sein und gelassen damit umzugehen. Sie gibt mir die Möglichkeit nachzudenken, ruhig zu sein, mich selber und meine Emotionen zu spüren und zu erleben.

Das klingt ganz schön spirituell? Nein, ich finde nicht. Für mich ist es zutiefst menschlich.

Und das macht für mich soviel mehr Sinn, als hektisch darauf zu drängen. dass sich die Welt endlich weiter, weiter und weiter dreht, während ich selbst dabei auf der Strecke bleibe.

Die Challenge hat bereits begonnen

Meine Challenge, wieviel ich mir von alldem beibehalten kann, hat bereits begonnen. Ich bin jetzt seit ca. einer Woche wieder zuhause und arbeite an mehreren Projekten gleichzeitig. Seit meiner Kündigung widme ich mich neuen Herausforderungen und muss erst meinen Rhythmus finden. Natürlich müssen Dinge geplant werden und ich könnte immer noch eine halbe Stunde oder Stunde länger arbeiten. Aber ich weiß, die halbe Stunde mehr, macht die Sache nicht zwingend besser.

Bis vor kurzem wusste ich beim Aufwachen nicht einmal welcher Wochentag ist und schon gar nicht, was ich heute, morgen oder übermorgen machen werde. Aber ich wusste jeden Tag, dass ich bestimmt etwas machen werde. Mittlerweile habe ich wieder einen funktionierenden Terminkalender, der sich langsam füllt. Trotzdem versuche ich „unverplante Zeit“ darin zu haben, in der ich bestimmt irgendetwas machen werde, aber wer weiß was 🙂

Ich weiß, dass es weiterhin einige Veränderungen in meinem Leben gibt. Ich freue mich darauf, weil ich weiß, dass ich einen neuen Zugang zu Zeit gefunden habe und dass ich neue Anker für Ruhe und Stabilität habe.

Vor drei Jahren habe ich mir auf meine Handgelenke die beiden Wörter „Patience“ und „Serenity“ (Geduld und Gelassenheit) als meine Ziele tätowieren lassen. Jemand hat mich auf meine Beine gestellt und nun mache ich die ersten Schritte darauf zu.

Dafür bin ich zutiefst dankbar!

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2 Kommentare

  1. So schöne Zeilen, ich bewundere dich für deinen Mut und freue mich für dich, dass diese Reise ihren Sinn erfüllt hat 😀

    Und hey – vielleicht findest du auch für mich demnächst mal Platz im Terminkalender <3

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