Mein Erfahrungen beim (Er)lernen von Geduld

Geduld war ein großes Thema für mich in Costa Rica. Eigentlich war es schon davor ein großes Thema. Ich hatte nämlich keine. Deswegen habe ich mir vor einigen Jahren das Wort „patience“ auf mein linkes Handgelenk tätowieren lassen. Mehr bewusste Aufmerksamkeit schenkte ich dem Thema nicht.

Am stärksten kam die Nicht-Geduld zum Ausdruck beim Auto fahren. Ihr kennt das bestimmt. Jemand fährt zu langsam, oder es ist ein Stau – und schon ist man ziemlich genervt. Ebenso bei Warteschleifen am Telefon, volle Wartezimmer, Zuspätkommende Menschen (obwohl man selbst immer zu spät kommt), die Ubahn, die statt in drei Minuten erst in sieben Minuten kommt und so weiter. Diese Liste kann wahrscheinlich ewig erweitert werden.

Viele viele viele Situationen, die nerven können, die Ungeduld aufkommen lassen, die belastend sind, weil langsam. Sie sind körperlich genauso belastend wie mental aufgrund von negativem Stress, den Körper und Geist verarbeiten müssen. 

Nachdem ich das Teacher Training beendet hatte, schrieb ich mir eine kleine Liste mit Dingen, die ich während der Zeit in Puerto Viejo machen wollte. Ein Punkt darauf war, Geduld zu erlernen. Wie bereits beschrieben lehrte mich das kleine Raggaedorf tagtäglich, geduldiger zu sein. Aber das passierte einfach, das war keine bewusste Entscheidung von mir selbst.

Doch für einige Dinge, die meine Geduld erforderten, entschied ich mich ganz bewusst. Und so übte ich mich in Geduld.

Shrimps putzen

Schale abziehen, aufschneiden, Gedärme raus holen – das habe ich mit jedem einzelnen Shrimp gemacht, bis irgendwann am Ende des Abends Shrimpsreis darauf wurde. Das Putzen der Shrimps hat um die zwei Stunden gedauert, vielleicht auch deswegen, weil ich ein bisschen ungeübt bin. Ich war so langsam, dass ich sogar Unterstützung beim Putzen bekommen habe. Sonst wäre das mit dem Reis an dem Abend wohl nichts mehr geworden 🙂

Abwaschen

Zuhause bin ich mit einem Geschirrspühler verwöhnt. Dort war ich das nicht. Und egal wie traumhaft das Wetter war, wie laut Strand oder Regenwald gerufen haben, oder eine Raggaeparty – zuerst musste abgewaschen werden. Denn es ist auch viel zu heiß, als dass man dreckiges Geschirr länger stehen lassen könnte. Ekliger Geruch und Ameisen strafen dich sofort. Und so stand ich mehrmals am Tag über das kleine Waschbecken in der kleinen Küche gelehnt und habe einen kleinen feinen Berg Geschirr abgewaschen.

Kokosnuss raspeln

Ein karibisches Gericht ohne Kokusnussmilch ist nahezu undenkbar. Man könnte dafür natürlich die Kokusnussmilch in der Dose kaufen – oder man stellt sie selbst her. Dafür macht man einige Spaziergänge, um die richtigen Kokosnüsse zu finden, schlägt sie anschließend auf und raspelt das Fleisch. Man könnte es auch mixen, aber dabei lernt man halt nicht geduldig zu sein. Und so saß ich einen Nachmittag lang (für ein Gericht) bei rund 30 Grad vor der Eingangstür meines Appartements und raspelte. Drei bis vier Kokosnüsse zu raspeln dauerte an die eineinhalb Stunden. Man könnte das Fleisch auch in einem Mixer mixen, aber das hat ja dann wieder nichts mit Geduld zu tun.

Fischen

Das Projekt Fischen hat mein Herz erobert. Früh morgens (vor dem Sonnenaufgang) aufzustehen, mit dem Rad raus aus dem Ort zu fahren, durch ein Stück Wald ans Meer zu gehen und dort bei Sonnenaufgang am Meer zu stehen und zu fischen ist ein tolles Erlebnis. Das Meer verhält sich bei Sonnenaufgang einfach anders als untertags. Die Natur ist so ruhig, alles schläft noch (besonders die Faultiere) und nur das Meer ist zu hören und zu spüren. Tatsächlich einen Fisch aus dem Wasser zu holen, erfordert bei all diesen schönen Eindrücken dann doch noch etwas Geduld. Man wirft den Haken ins Wasser und wartet und wartet und wartet und wartet. Ich glaube, fischen an sich hält man überhaupt nur aus, weil die Natur rundherum so schön und auch beruhigend ist. Auch wenn es eine intensive Gedulds-Challenge war, hat es mir wahnsinnig gut gefallen. Gefangen habe ich natürlich nichts, aber um das ging es ja eigentlich gar nicht. 🙂

Zu Fuß gehen

Obwohl ich einen Hund habe und daher bestimmt mehr zu Fuß gehe, als viele andere, habe ich meine zu Fuß zurück gelegten Kilometer von zuhause noch um einiges übertroffen. Ich hatte zwar ein Rad, aber viele Wege habe ich zu Fuß erledigt. Einerseits weil ich den Ort, die Natur und die Umgebung besser wahrnehmen konnte, andererseits weil ich einfach Tempo aus meinem Alltag genommen habe. Zu Fuß zu gehen bedeutet einfach langsamer zu sein, als etwa mit dem Rad. Anfänglich war dieses langsamer sein gewöhnungsbedürftig, aber von Tag zu Tag wurde es immer mehr ein Geschenk. Ende Jänner gingen wir rund 10 km den Strand entlang Richtung Süden, es war wunderschön. 

Das waren einige meiner Erfahrungen beim Erlernen und Üben von Geduld. Geduld bedeutet nicht immer einfach nur zu sitzen und zu warten. Auch viele Tätigkeiten erfordern Geduld und langsames, behutsames Vorgehen. Sich dessen bewusst zu werden, war auch eine wichtige Erfahrung für mich.

In meinem Alltag hier in Österreich finden sich genug Möglichkeiten weiter an meiner Geduld zu arbeiten, nur dass ich hier richtig gegen den Strom schwimmen muss, wenn ich langsam und geduldig sein möchte. Aber auch das ist Übungssache. 🙂

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